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Praxis-Prompts für den Alltag #1
⏱️ Lesezeit: ca. 3-4 Minuten
Es ist 3 Uhr nachts, der dritte Kaffee hilft auch nicht mehr, und der diensthabende Assistenzarzt tippt zum vierten Mal “Schwindel, Dauer unklar, Patient unklar, eigentlich alles unklar” in die Suchleiste von Google. Genau für solche Momente, wenn das Gehirn kurz auf Standby schaltet, lohnt es sich, ein paar gute Prompts in der Hinterhand zu haben. Kein Ersatz für klinisches Denken, sondern eine Hilfestellung für genau die Momente, in denen einem gerade nichts mehr einfallen will.
Der Trick dabei: Man schreibt die Anweisung nur einmal 🤓
Projekt, Space oder Sammlung anlegen (je nach Tool, z. B. in ChatGPT, Claude oder Perplexity)
Den Hauptpromptvorschlag einmal hinterlegen (Das Feld dafür heisst meist “Instructions” bzw. “Anweisungen”)
Ab dann bei jedem Fall nur noch Stichworte eintippen. Der Output kommt automatisch in der hinterlegten Struktur
Kein Neuschreiben, kein Suchen nach dem alten Chat von letzter Woche. Stichworte rein, Output raus.
💡 1. Die Red-Flag-Checkliste
Das Problem 🧐: Für Thoraxschmerz kennt man die “Big 5” im Schlaf. Aber bei Kopfschmerz, Rückenschmerz oder einem geschwollenen Gelenk ist die gefährliche Differentialdiagnose zwar grundsätzlich bekannt, aber nicht immer in der Sekunde abrufbar, in der man sie braucht.
Hauptpromptvorschlag:
”Du bist ein erfahrener Notfallmediziner. Ich nenne dir ein Leitsymptom mit Alter und Geschlecht (z. B. „Kopfschmerz, m, 60 J“). Erstelle eine kurze, strukturierte Checkliste für die Ersteinschätzung in Notfall oder Hausarztpraxis:
* wichtigste relevante Differentialdiagnosen (typisch 4–6; häufige + gefährliche)
* Red Flags / Alarmzeichen
* klinische Merkmale zur Differenzierung
* relevante Bedside-Untersuchungen, Scores oder Manöver
Priorisiere nach klinischer Relevanz unter Berücksichtigung von Alter und Geschlecht. Output nur als Tabelle oder Bullet Points, kein Fliesstext, kurz und praxisnah.”
➡️ Anbei ein Beispiel:
Screenshot aus ChatGPT - ein praktisches Beispiel.
⚠️ Caveat: Die KI kann auch ausschweifen und Red Flags vorschlagen, die klinisch wenig realistisch sind; und selbst eine saubere klinische Untersuchung kann die Verdachtsrichtung im Verlauf noch ändern. Die Checkliste ist ein zusätzlicher Blick von aussen; keine endgültige Antwort, an der man sich strikt festhält.
💡 2. Der Medikamenten-Check
Das Problem 🧐: Bei der Verschreibung oder Anpassung eines Medikaments will man schnell die wichtigsten Nebenwirkungen, Einnahmehinweise und Interaktionen im Blick haben, ohne erst durch mehrere Fachinformationen zu blättern, während im Wartezimmer schon der nächste Patient klingelt.
Hauptpromptvorschlag:
”Du bist klinischer Pharmakologe. Ich nenne dir einen Wirkstoff oder Handelsnamen.
Aufgabe:
- Identifiziere bei Handelsnamen zuerst den Wirkstoff.
- Fasse dann kurz zusammen:
1) 3 häufige, klinisch relevante Nebenwirkungen
2) wichtigste Einnahmehinweise (Zeit/Abstand zu Mahlzeiten, etc.)
3) wichtigste klinisch relevante Interaktionen
- Wenn vorhanden, nenne auch relevante Besonderheiten der Anwendung, z. B. Niereninsuffizienz, Schwangerschaft, QT-Zeit, Leberfunktion oder relevante Monitoring-Hinweise.
- Bevorzuge compendium.ch als Quelle und nenne die Quelle am Ende jeder Liste.
- Antworte nur in drei kurzen Listen, kein Fliesstext.”
➡️ Anbei ein Beispiel:
Screenshot aus Perplexity - ein praktisches Beispiel.
⚠️ Caveat: Bei wirklich relevanten Angaben: Dosierung, Kontraindikationen, Interaktionen mit Klinikrelevanz lohnt es sich, direkt in der zuständigen Quelle nachzuschauen statt sich allein auf die KI-Zusammenfassung zu verlassen.
💡 3. Das Gesprächsschema für schwierige Diagnosen
Das Problem 🧐: Eine schwere Diagnose zu vermitteln ist weniger eine Frage der Wortwahl an sich, sondern davor: wie liefert man die Botschaft, ohne dass der Patient innerlich abschaltet? Das SPIKES-Protokoll (Baile et al., 2000) gliedert solche Gespräche in sechs Schritte — von der Vorbereitung bis zum Abschluss. Eine KI kann dieses Gerüst in Sekunden auf den konkreten Fall anwenden und so helfen, das Gespräch vorab kurz zu strukturieren, bevor man ins Zimmer geht.
Hauptpromptvorschlag:
”Du bist ein Oberarzt mit viel Erfahrung in Aufklärungsgesprächen und kennst das SPIKES-Protokoll. Ich nenne dir jeweils eine Diagnose mit ungefährem Alter und Geschlecht des Patienten. Erstelle dazu jedes Mal ein kurzes Gesprächsschema nach SPIKES: Empfehlung für den Einstieg (Setting), wie man prüft, was der Patient schon weiss oder vermutet (Perception), die Kernbotschaft, konkrete Formulierungsvorschläge für heikle Stellen, und einen Vorschlag, wie man das Gespräch abschliesst. Antworte ausschliesslich in kurzen Sätzen oder Bullet Points. Output alles zusammengefasst in den wichtigsten 7 Punkten.”
➡️ Anbei ein Beispiel:
Screenshot aus Claude - ein praktisches Beispiel.
⚠️ Caveat: Das Schema ist ein Gerüst, kein Drehbuch zum Ablesen. Patienten merken sofort, wenn jemand eine Vorlage vorliest. Tonfall, Tempo und Reaktion auf die individuelle Situation bleiben ärztliche Aufgabe.
🚩 No-Gos für alle drei Prompts
Keine identifizierbaren Patientendaten (Name, Geburtsdatum) in öffentliche LLMs eingeben, auch das Alter nur ungefähr oder als Altersgruppe angeben
KI-generierte klinische Inhalte nie ungeprüft übernehmen. Immer gegen Leitlinien oder Fachinformation abgleichen
Bei selteneren Diagnosen, neuen Wirkstoffen oder komplexen Interaktionen: KI, wenn überhaupt, nur als Ausgangspunkt nutzen, nicht als Endpunkt
Wichtig: Alle drei Prompts sind Vorschläge. Sie lassen sich ganz nach eigenen Vorlieben anpassen und verändern.
Hast du einen Prompt, der sich bei dir im Alltag bewährt hat? Schreib ihn an hello@mdai.ch, die besten sammeln wir und stellen sie in einem der nächsten Artikel vor!
📚 Quellen:
Bruno RR, Donner-Banzhoff N, Söllner W, Frieling T, Müller C, Christ M. The Interdisciplinary Management of Acute Chest Pain. Dtsch Arztebl Int. 2015. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4660855/
Baile et al. SPIKES — A Six-Step Protocol for Delivering Bad News. The Oncologist. 2000. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/10964998/
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