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KI im Spital: Zuerst die Infrastruktur, dann die Automatisierung

19 May 2026 By SwissMed AI 3 min read
KI im Spital: Zuerst die Infrastruktur, dann die Automatisierung

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Die Diskussion über KI (Künstliche Intelligenz) im Spital dreht sich meist um ähnliche Themen: weniger Dokumentationsaufwand, schnellere Berichte, mehr Zeit für Patientinnen und Patienten. Die Versprechen klingen plausibel. Doch eine aktuelle Umfrage des VSAO (Verband Schweizerischer Assistenz- und Oberärztinnen und -ärzte) mit rund 640 Teilnehmenden legt nahe, dass viele der grössten Probleme im Schweizer Spitalalltag gar nicht durch bessere KI-Tools gelöst werden könnten, sondern durch bessere Infrastruktur. [1]

📊 Was die Umfrage zeigt

Die VSAO-Umfrage „Bürokratie in den Spitälern II” (2025) erfasst systematisch, wo Assistenz- und Oberärztinnen und -ärzte täglich Zeit verlieren. Die zwei grössten Zeitfresser: das Ausstellen von Berichten (72 %) und das Einholen von Patienteninformationen (67 %). [1] Beides klingt nach Aufgaben, für die KI geeignet wäre, und für einen Teil davon stimmt das auch.

Aber die Umfrage zeigt zugleich: 36 % der Befragten arbeiten in Spitälern mit mehreren KIS (Klinikinformationssystemen). Von diesen berichten 78 %, dass die Systeme untereinander nicht kompatibel sind. [1] In der Praxis bedeutet das: Informationen werden manuell zwischen Programmen übertragen, Daten doppelt erfasst, Röntgenbilder per E-Mail angefordert. Eine Teilnehmerin beschreibt es so: «Dokumentation läuft mehrspurig in verschiedenen Systemen und Microsoft Word, von Hand von uns übertragen.» [1]

KI-gestützte Dokumentationstools setzen voraus, dass Daten strukturiert vorliegen, zuverlässig fliessen und systemübergreifend abrufbar sind. Wo Systeme täglich abstürzen und keine Schnittstellen bestehen, arbeitet auch die beste KI auf einem instabilen Fundament.

🇨🇭 Der Schweizer Kontext

Das EPD (elektronisches Patientendossier), gedacht als einheitliche Datenbasis, ist zwar in 96 % der Spitäler formell eingeführt, aber nur rund 10 % der ambulant tätigen Ärztinnen und Ärzte sind angeschlossen. [2] Per März 2026 wurden schweizweit rund 134’000 Dossiers eröffnet, bei einer Bevölkerung von rund 8,9 Millionen Menschen. [2] Der Bundesrat hat inzwischen die Totalrevision des EPDG (Bundesgesetz über das elektronische Patientendossier) beschlossen und ein Nachfolgesystem, das E-GD (elektronisches Gesundheitsdossier), vorgeschlagen. Gemäss BAG könnte das neue System frühestens um 2030 in Betrieb gehen. [2]

Das DigiSanté-Programm, das die Digitalisierung des Schweizer Gesundheitswesens strukturell fördern soll, hat eine Laufzeit bis 2034. [3] Beides sind keine Kritikpunkte; es sind Hinweise auf den Zeithorizont, innerhalb dessen sich die Infrastruktur verändert.

💡 Was das für Sie als Ärztin oder Arzt bedeutet

1. Diktiersoftware und Berichtsgenerierung sind heute sinnvolle KI-Einstiegspunkte
Diese Aufgaben sind sprachbasiert und vergleichsweise systemunabhängig. In den Freitextantworten der Umfrage wird mehrfach festgehalten, dass bestehende Diktierlösungen im Vergleich zu neueren KI-Systemen wie ChatGPT als deutlich unterlegen wahrgenommen werden. Hier besteht konkreter Handlungsspielraum, ohne dass eine vollständige Systemintegration Voraussetzung wäre.

2. Für integrationsabhängige Aufgaben ist KI kurzfristig keine Lösung
Medikamentenverwaltung, systemübergreifende Patientendatenabfrage oder automatisierte Schnittstellenübertragung setzen eine interoperable Infrastruktur voraus, die in einem grossen Teil der Schweizer Spitäler noch nicht besteht.

3. Die entscheidende Frage lautet nicht nur «Welches KI-Tool kaufe ich?», sondern «Ist mein Spital bereit?»
Wie viele KIS betreibt das Haus? Sind sie kompatibel? Gibt es stabile Schnittstellen? Die Antworten auf diese Fragen bestimmen, welche KI-Anwendungen heute tatsächlich Nutzen bringen, und welche noch auf ihre Infrastruktur warten.

🔎 Was wir noch nicht wissen

Ob und wie schnell die geplanten Verbesserungen — EPD-Revision, DigiSanté, Konsolidierung der Stammgemeinschaften in der täglichen Praxis ankommen, bleibt offen. Die internationalen Daten zu KI-gestützter Dokumentation sind vielversprechend: In einer 2026 in JAMA publizierten Multicenterstudie zu Ambient Scribes (KI-Systemen, die Arzt-Patienten-Gespräche automatisch transkribieren) an fünf US-amerikanischen akademischen Gesundheitszentren mit insgesamt über 8’500 Kliniker:innen, davon rund 1’800 Scribe-Nutzer:innen, wurde eine Reduktion von 13 bis 16 Minuten EHR- und Dokumentationszeit pro Tag berichtet. [4] Diese Systeme laufen jedoch auf EHR-Plattformen (elektronischen Krankenakten-Systemen) wie Epic, die stark auf standardisierte Formate wie HL7 FHIR setzen; Standards, die im Schweizer Spitalsetting ausserhalb des EPD-Umfelds bislang nur begrenzt etabliert sind. Die Evidenz aus dem Ausland zeigt, was möglich ist. Sie zeigt aber auch, unter welchen Voraussetzungen.


📚 Quellen

  1. VSAO. Bürokratie in den Spitälern II — Präsentation der Resultate. 2025. vsao.ch

  2. Bundesamt für Gesundheit BAG. EPD in Zahlen (Stand Oktober 2025). bag.admin.ch

  3. Bundesrat / BAG. DigiSanté: Förderung der digitalen Transformation im Gesundheitswesen. digisante.admin.ch

  4. Tierney AA et al. Changes in Clinician Time Expenditure and Visit Quantity With Adoption of Artificial Intelligence-Powered Scribes: A Multisite Study. JAMA. 2026. DOI: 10.1001/jama.2026.2253

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