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Drei ChatGPTs und noch mehr: Was Healthcare-KI im Jahr 2026 wirklich kann

5 May 2026 By SwissMed AI
Drei ChatGPTs und noch mehr: Was Healthcare-KI im Jahr 2026 wirklich kann

🔐 Zuerst: Datenschutz und Recht

Mehrere US-amerikanische Tools sind in Europa nicht verfügbar. OpenEvidence – eine klinische KI mit hunderttausenden verifizierten Nutzerinnen und Nutzern in den USA – zog sich Anfang 2026 aus EU und UK zurück und verwies auf regulatorische Unsicherheiten [1]. Das ist kein Randthema: Der sogenannte CLOUD Act verpflichtet US-Unternehmen unter Umständen, gespeicherte Daten an US-Behörden herauszugeben – unabhängig davon, wo diese Daten physisch liegen. Das steht in direktem Konflikt mit der DSGVO (Datenschutz-Grundverordnung), und dieser Konflikt ist juristisch bis heute nicht abschliessend gelöst.

⏱️ Lesezeit: ca. 4 Minuten


🧠 OpenAI: Drei Produkte, ein verwirrender Name

OpenAI hat drei Gesundheitsprodukte. Alle heissen „ChatGPT”. Sie sind nicht dasselbe.

ChatGPT Health – für Patientinnen und Patienten. Erklärt Laborbefunde in verständlicher Sprache, synchronisiert sich mit Fitness-Trackern.

ChatGPT for Clinicians – für verifizierte Ärztinnen und Ärzte. Klinische Fragestellungen und Literaturrecherche mit Zitaten aus Peer-reviewed-Journalen.

ChatGPT for Healthcare – für Spitäler. Eine institutionell konfigurierbare Variante, die klinikinterne Richtlinien, Medikamentenlisten und Arbeitsabläufe kennt. Deckt Dokumentation, Patientenaufnahme und administrative Aufgaben ab.

Das Produkt, nach dem die meisten Ärztinnen und Ärzte fragen, ist ChatGPT for Clinicians. Es ist kostenlos und verfügt über einen Research-Modus mit Quellenangaben [2]. Laut OpenAI haben Hunderte von medizinischen Fachpersonen über 700’000 Modellantworten geprüft – mit einer Bewertung von 99,6 % als sicher und korrekt [2]. Ein Vorteil gegenüber Ärztinnen und Ärzten bei direkten Konsultationsaufgaben wurde dabei nicht festgestellt [2]. Für Schweizer Ärztinnen und Ärzte gibt es jedoch einen praktischen Haken: Die Verifizierung erfordert eine NPI (National Provider Identifier), ein US-spezifisches Zulassungskennzeichen. Ein internationaler Rollout ist geplant, aber noch nicht bestätigt [2]. Für den Schweizer Kontext empfiehlt sich dieser Medinside-Artikel (DE) zur Vertiefung.


🔬 Google MedGemma 1.5: Leistungsstarke Bildgebungs-KI – noch nicht für den klinischen Einsatz

MedGemma 1.5 wurde im Januar 2026 veröffentlicht [3]. Das Modell analysiert 3D-CT- und MRT-Aufnahmen, histologische Präparate sowie Thorax-Röntgenbilder – deutlich besser als der Vorgänger [3]. Es handelt sich jedoch nicht um eine App, die man öffnet: Es ist quelloffener Code, auf dem Softwareentwicklerinnen und -entwickler neue Anwendungen aufbauen können. Google betont ausdrücklich, dass das Modell nicht für den direkten klinischen Einsatz validiert ist [3]. MedGemma ist der Motor zukünftiger Radiologie-Tools – kein Werkzeug für den heutigen Praxisalltag.


🛠️ Microsoft Dragon Copilot: Dokumentation im Hintergrund

Dragon Copilot hört der Konsultation zu und erstellt automatisch ein strukturiertes klinisches Verlaufsprotokoll, das die Ärztin oder der Arzt anschliessend überprüft und freigibt. Seit 2026 geht das System über die reine Dokumentation hinaus: Es schlägt Diagnose-Codes nach ICD-Systematik vor und kann in Echtzeit Zuweisungsschreiben entwerfen [4]. Dragon Copilot ist mit grossen KIS (Klinikinformationssystemen) wie Epic kompatibel und wird 2026 auf Europa ausgerollt [4].


🧾 Anthropic Claude for Healthcare: Eher für die Verwaltung

Claude for Healthcare richtet sich an die Abrechnung von Spitälern und Praxen und erleichtert die Kommunikation mit den Krankenkassen. Das System ist mit ICD-Codierungsregistern verknüpft und wurde für administrative sowie Health-Tech-Teams konzipiert – nicht für den ärztlichen Alltag.


🇨🇭 Meditron: Die Schweizer Option

Meditron ist ein quelloffenes medizinisches KI-Modell, entwickelt an der EPFL (École Polytechnique Fédérale de Lausanne), trainiert auf Peer-reviewed-Literatur und internationalen Leitlinien [5]. Der zentrale Vorteil: Das Modell läuft vollständig auf den Servern des jeweiligen Spitals – Patientendaten verlassen das Haus nicht. Nach einer Evaluation mit Gesundheitspersonal anhand hypothetischer klinischer Fälle im Jahr 2025 wird das CHUV (Centre Hospitalier Universitaire Vaudois) Meditron ab Mai 2026 in der Notaufnahme testen [5].

Zur Vollständigkeit – KI aus China: DeepSeek-R1, ein quelloffenes chinesisches Modell, erzielt laut einer Studie im Nature Medicine auf klinischen Benchmarks vergleichbare Ergebnisse wie ähnliche Systeme [6] – und lässt sich wie Meditron lokal betreiben. Für europäische Institutionen stellen sich bei diesem Modell jedoch Fragen zur Datensouveränität.


👤 Für Patientinnen und Patienten: ChatGPT Health und Perplexity Health

Zwei patientenorientierte Tools sind relevant, wenn Patientinnen und Patienten danach fragen.

ChatGPT Health (OpenAI) synchronisiert sich mit Fitness-Trackern und erklärt Laborbefunde in verständlicher Sprache. Perplexity Health, lanciert im März 2026, verbindet Apple Health, Wearables und Gesundheitsdaten von über 1,7 Millionen Leistungserbringern, um persönliche Gesundheitsfragen zu beantworten [7]. Beide sind als Vorbereitung auf den Arztbesuch konzipiert – nicht als Ersatz.

⚠️ Erste unabhängige Evidenz mahnt zur Zurückhaltung: Studien zeigen, dass allgemeine medizinische KI kritische Situationen übersehen kann und ohne ärztliche Aufsicht nicht zuverlässig eingesetzt werden sollte (vgl. Artikel: AI in Research).


🔎 Das Wichtigste auf einen Blick

  • ChatGPT for Clinicians – klinische Fragestellungen und Literaturrecherche mit Quellenangaben. Für Ärztinnen und Ärzte (aktuell nur USA).

  • Dragon Copilot – schreibt das Konsultationsprotokoll mit. Für Ärztinnen und Ärzte.

  • MedGemma 1.5 – analysiert CT, MRT und Histologie. Grundlage für zukünftige Tools; noch nicht für den klinischen Einsatz geeignet.

  • Meditron – Schweizer Open-Source-KI, lokal auf Spitalservern betrieben. Für Institutionen.

  • Claude for Healthcare – medizinische Kodierung und Krankenkassen-Workflows. Für Verwaltung und Abrechnung.

  • ChatGPT Health / Perplexity Health – persönliche Gesundheitsfragen auf Basis von Wearable- und Gesundheitsdaten. Für Patientinnen und Patienten.


📚 Quellen

[1] OpenEvidence EU/UK-Rückzug: Let’s Data Science

[2] ChatGPT for Clinicians: Medinside.ch (DE); HIT Consultant

[3] MedGemma 1.5: Google Research Blog

[4] Dragon Copilot: ORdigiNAL; HIT Consultant

[5] Meditron / CHUV: SWI swissinfo.ch

[6] DeepSeek-R1 klinische Benchmarks: Nature Medicine

[7] Perplexity Health: Modern Healthcare